Dr. Michael Schmidt-Salomon, Trier
Offenheit statt Offenbarung
Über Humanismus, Agnostizismus und die Diskursunfähigkeit "der Religiösen"
1. Du wirst dran glauben -oder: Du wirst dran glauben!
Die Geschichte der Menschheit - eine Geschichte der Unmenschlichkeit.
Nicht wenige glauben, daß Unmenschlichkeit das hervorstechendste Merkmal der Menschheit
sei. Man muß nicht zynisch sein, um zu diesem paradox klingenden Urteil zu gelangen.
Aber was sind die Gründe für die sich historisch unbestreitbar entfaltende menschliche
Grausamkeit? Warum all das Morden und Foltern? Warum all jene brutalsten Vergehen an
Mensch und Natur, von denen Nachrichtensendungen und Zeitungen einschaltquoten- bzw.
auflagensteigernd berichten? Zahlreiche Arbeiten, die sich mit diesem Thema
beschäftigten, lieferten einsichtige Hypothesen. Ein wichtiger Aspekt wurde aber in der
Literatur meines Ermessens nicht gebührend gewürdigt. Ein Aspekt, der zunächst weit
hergeholt erscheint, dem aber bei genauerer Betrachtung zentrale Bedeutung zukommt.
Ein Großteil der zahlreichen historisch wie in der Gegenwart festzustellenden
Unmenschlichkeiten können nämlich verstanden werden als Epiphänomene einer
fehlerhaften, meist unreflektierten, erkenntnistheoretischen Einschätzung: dem unter
Religiösen aller Coleur anzutreffenden Irrglauben, im Besitz der absoluten, universell
gültigen Wahrheit zu sein, oder genauer: im Besitz dieser Wahrheit sein zu können.
Die hier anzutreffende Konstruktion einer durch Offenbarung ermöglichten Schnittmenge
zwischen der jenseitigen "Welt an sich" mit der diesseitigen "Welt des
Menschen" war die epistemologische Ursache für millionenfaches Morden. Es gab in der
Geschichte der Menschheit kaum eine Idee, die soviel Leid, soviel Elend provozierte, wie
die religiöse Idee, daß absolute Wahrheit (Gott, Schicksal etc.) losgelöst vom Menschen
existiere und per Offenbarung Auserwählten zuteil werden könne.
Denn Offenheit und Offenbarung schließen einander aus. Potente Offenbarungs-Religionen
kennen -wenn man ihnen den Freiraum läßt- allzu häufig nur eine Maxime, den Umgang mit
dem Andersdenkenden betreffend: Du wirst dran glauben - oder: Du wirst dran glauben! Eine
Maxime, die nicht nur zur Zeit der Kreuzzüge brutal umgesetzt wurde. Anfang der vierziger
Jahre unseres Jahrhunderts mußten bekanntlich einige Hunderttausend Serben und Serbinnen
"dran glauben", weil sie sich nicht zum Katholizismus bekehren lassen wollten.
Die Brutalität des damaligen, vom Vatikan unterstützten, streng katholischen
Ustascha-Regimes schockierte sogar mitunter die ansonsten wenig feinfühlige SS. (vgl.
hierzu Deschner: Ein Jahrhundert Heilgeschichte. Bd. 2. Köln 1983. oder noch spezieller:
Dedijer: Jasenovac - das jugoslawische Auschwitz. Freiburg 1993) Die Foltermethoden, die
Christen sich da für Christen ausgedacht hatten, ließen bei einigen zarterbesaiteten
SS-Leuten beinahe so etwas wie Sehnsucht nach den -aus ihrer Perspektive!- vergleichsweise
fast "idyllischen", deutschen Vernichtungslagern aufkommen.
Doch kommen wir zur Gegenwart: Von den jährlich knapp 50 weltweit geführten Kriegen sind
nach Angaben der "Stiftung Entwicklung und Frieden" nahezu die Hälfte religiös
motiviert und zeichnen sich in vielen Fällen durch eine ganz besondere Brutalität aus.
(vgl. MIZ, Nr.2/94, S.57.)
Wäre hier - so sollte man sich doch fragen - nicht ein lohnendes Aufgabenfeld für die in letzter Zeit doch ziemlich eingeschlafene Friedensbewegung? überspitzt formuliert: Sollte nicht endlich der alte Kampf um atomwaffenfreie Zonen durch einen neuen Kampf für religionsfreie Zonen ergänzt werden? Macht die lange Geschichte der religiösen Super-Gaus nicht mehr als deutlich, daß das Restrisiko in puncto Religion entschieden zu hoch ist? Ist Weltfrieden ohne religiöse Abrüstung überhaupt möglich?
An dieser Stelle der Argumentation taucht regelmäßig ein Einwand auf:
All das Unrecht, das da im Namen der Religion geschah und auch noch geschieht, sei nicht
auf die "Religion an sich", auf den Glauben an eine sich offenbarende höhere
Macht, zurückzuführen, sondern auf kriminelle Menschen, die sich unberechtigterweise der
religiösen überzeugungen bemächtigten und diese schamlos für ihre niederen Interessen
ausbeuteten.
Dieses Argument erinnert an Ramakrishna, der auf die Frage, warum Religionen entarten,
geantwortet haben soll, daß das Regenwasser rein sei, daß es aber, wenn es Dach und
Gassen, die unsauber sind, durchlaufen habe, seine ursprüngliche, reine Klarheit
verlöre.
Diese "Regenwasser-Dachrinnen-Hypothese" wird heute von vielen vertreten. Ich
denke, sie ist grundweg falsch. Inhumanität ist nämlich keine bloß zufällige
Perversion von Religion, Inhumanität ist für Religion konstitutiv, sie ist die Wurzel
der Religion.
Dies wird deutlich, wenn wir uns veranschaulichen, was eine Religion auf abstrakter Ebene
als Religion kennzeichnet: Religionen sind Weltanschauungssysteme, die auf einem Bündel
von Aussagen über die Struktur der "Welt an sich" beruhen, von dem aus
Sollsätze für die "Welt des Menschen" abgeleitet werden. Die Kopplung von
Seinssätzen über die "Welt an sich" mit Sollsätzen für die "Welt des
Menschen" ist für Religion konstituiv. Sie ist die Grundlage jeder Religion. Eine
Grundlage, die sowohl erkenntnistheoretisch unhaltbar ist, als auch fundamental gegen die
Regeln des Diskurses, gegen das Prinzip der Gleichberechtigung verstößt.
Um dieses Argument zu verstehen, ein kurzer erkenntnistheoretischer Exkurs:
Eine der größten und wichtigsten Leistungen der kritischen Vernunft ist die
Erkenntnis des konstruktivistischen Charakters unserer Weltwahrnehmung und die damit
verbundene Absage an den Olymp.
Die menschliche Vernunft ist bescheidener geworden. Sie behauptet nicht mehr, die Welt aus
olympischer Perspektive erkennen zu können, sie weiß, daß sie dazu nicht in der Lage
ist, weil sie selbst "die Welt" anthroporelational konstruiert.
Der Kern dieser Erkenntnis läßt sich in einem einzigen Satz ausdrücken, den zu beherzigen erste WeltbürgerInnen-Pflicht sein sollte:
Wir können die Welt nicht wahrnehmen, wie sie losgelöst von unserer Wahrnehmung existiert.
Wenn dieser Satz stimmt (und ich kenne keine vernünftige Widerlegung
dieses Satzes), so heißt dies, daß der gesicherte Zugang zur "Welt an sich"
(die Welt losgelöst von unserer Wahrnehmung) für alle Zeiten versperrt ist und daß die
einzige Welt, über die wir gerechtfertigt verhandeln können, die "Welt des
Menschen" ist, eine menschliche Konstruktion, von der wir nur wissen, daß sie sich
in den Kämpfen der Evolution wohl als existentiell sinnvoll herausgestellt hat. Ob und
inwieweit aber diese Konstruktion mit der "Welt an sich" übereinstimmt, läßt
sich nicht entscheiden, weil wir als Menschen für diese Entscheidung keine Kriterien
besitzen.
Das heißt nun nicht, daß es unnötig oder unmöglich sei, über die Welt in der und mit
der wir leben, Aussagen zu machen. Vielmehr bedeutet es, daß wir in Alltag und
Wissenschaft von der erlebten Welt ausgehen müssen, daß wir gar nicht umhin können, die
Welt aus der Sichtweise unserer menschlichen Existenz -also anthroporelational!- zu
betrachten. Entscheidend ist dann nicht die Jenseitswahrheit von Weltmodellen, sondern
ihre Diesseitsqualität. Es geht nicht um die Frage: Ist diese Wirklichkeitskonstruktion
"an sich" wahr oder falsch?, sondern darum, ob sie zu unserem Anspruch auf Leben
paßt oder nicht. Dies ist das einzige Kriterium, das wir besitzen, um gerechtfertigt
zwischen guten und schlechten Wirklichkeitsmodellen zu entscheiden.
Natürlich möchten Religionen gemäß der obigen Definition von einer solch radikalen
Beschränkung auf die menschliche Perspektive nichts wissen. Um weiter bestehen zu
können, müssen sie ja behaupten, höhere Kriterien der Unterscheidung zu besitzen,
müssen für sich -allen Argumenten zum Trotz- weiterhin einen Zugang zur olympischen
Perspektive reklamieren.
Das heißt: Sie müssen damit fortfahren, ihre menschlichen Weltmodelle mit anderen als menschlichen Gütekriterien (z.B. göttlicher Wille, Gesetz des Kosmos etc.) zu versehen. Dadurch begehen sie aber einen furchtbaren Etikettenschwindel, der zu einem unlauteren Wettbewerb der Ideen führt. An dieser Stelle wird aus dem erkenntnistheoretischen Unsinn, der Grundlage der Religion ist, ein Verstoß gegen das Prinzip der Gleichberechtigung.
Die Idee des Diskurses, das Konzept des "herrschaftsfreien
Dialogs", hat als Denkvoraussetzung die Annahme, daß Argumentierende auf
gleichberechtigten Diskussionsebenen miteinander verhandeln. Die Akzeptanz der
Gleichwertigkeit der Argumentationsgrundlagen ist dabei notwendige Voraussetzung der
angestrebten Konsensbildung. (vgl. hierzu z.B. Apel: Diskurs und Verantwortung.
Frankfurt/M. 1988)
Die religiöse Reklamierung eines Anspruchs auf offenbarter "Welt an
sich"-Wahrheit verstößt fundamental gegen dieses Grundprinzip des Diskurses, denn
der religiöse Mensch benutzt im Gegensatz zum nichtreligiösen nicht nur Argumente, die
in der "Welt des Menschen" beheimatet sind (die gegeneinander abgewogen und
modifiziert werden können), er benutzt zudem noch Argumente, die ihrem Anspruch nach
einer höheren Ebene angehören (die durch menschliche Argumente nicht aufgehoben werden
können). Durch diese pseudotranszendentale Verstärkung seiner Argumente wird der
religiöse Mensch argumentativ unangreifbar. Er steht über den Dingen, berichtet über
höhere Einsichten. Konsequenz: Er überhöht sich selbst, übervorteilt und erniedrigt
seine(n) nichtreligiöse(n) KommunikationspartnerIn, der/die in der Kommunikation nicht
mit gezinkten Karten spielt.
Hierbei ist es wichtig, hervorzuheben, daß der dargestellte Verstoß gegen das Prinzip der Gleichberechtigung -gegen die Humanität von Kommunikation.- unabhängig ist von der Qualität der Inhalte, die der religiöse Mensch in der Argumentation ansonsten vertritt. (Humanistisch-emanzipatorisch denkende TheologInnen müssen sich vorwerfen lassen, daß der Ausgangspunkt ihrer Argumentation den von ihnen angestrebten Zielen unüberwindbar widerspricht: Die religiöse Begründung ihrer Humanität entspringt einer radikalen Inhumanität, der Nichtachtung der menschlichen Wurzeln der Wirklichkeitskonstruktion.) An diesem Punkt zeigt sich, wie wenig stimmig die "Regenwasser-Dachrinnen-Hypothese" (s.o.) ist: Die Inhumanität der Religion ist eben kein zufälliges Resultat profaner historischer Interessen. Es ist absolut nicht verwunderlich, daß das religiöse Modell der Wirklichkeit, welches sich in seiner theoretischen Begründung arrogant über das Menschliche hinwegsetzt, dies auch in seinem gesellschaftlichen Wirken immer wieder praktiziert. Die Grund-Idee der Religion ist bereits das Problem. Das wird deutlich am Phänomen des religiösen Fundamentalismus.
Es ist bekannt, daß der religiöse Fundamentalismus zur Zeit weltweit in
unvorstellbarem Maße boomt. Die Gründe sind einsichtig: Es werden Legitimationssysteme
benötigt für die zahlreichen Blutschlachten, die nur in religiösen Zusammenhängen noch
Sinn zu machen scheinen. Zudem erzeugt die postmoderne Pluralität in den labilen,
kapitalistischen Konsumparadiesen einen Selektionsdruck in Richtung prämoderne Dogmatik.
Viele Menschen sind - um mit Habermas zu sprechen- von der "Neuen
Unübersichtlichkeit" des "Anything goes"-Prinzips überfordert. Kleine,
übersichtliche, dogmatische, also von Zweifeln befreite, Weltmodelle gewinnen an
Attraktivität. Es ist zu befürchten, daß -insbesondere in wirtschaftlichen
Krisenzeiten- der religiöse Fundamentalismus auch in unseren Breitengraden massiv an
Macht gewinnen könnte. Diese Gefahr wird auch von progressiv-religiöser Seite erkannt
und nicht wenige wissen zu berichten, daß der Kampf gegen den Fundamentalismus über die
Zukunft unserer Spezies entscheiden wird. Dem ist zuzustimmen. Widerspruch klingt erst
auf, wenn darüber verhandelt wird, an welchem Punkt der Kampf aufgenommen werden muß.
Meiner Meinung nach ist der religiöse Fundamentalismus nur zu bekämpfen, wenn man ihn an
seiner Wurzel faßt: Die Wurzel des Fundamentalismus aber ist die Religion, die religiöse
Inanspruchnahme der "Welt an sich", die im Kern jede Form von menschlicher
Argumentation unmöglich macht.
Interessanterweise finden wir diese Inanspruchnahme nicht nur in den theistischen
Religionen. Auch das scheinbar antireligiöse Pendant zum Theismus, der theoretische
Atheismus, entspringt der religiösen Inanspruchnahme der "Welt an sich",
behauptet er doch, daß Gott an sich nicht existiert. Auch dies ist ein nicht zu
rechtfertigender Versuch, sich der "Welt an sich" zu bemächtigen. Der
theoretische Atheismus stellt als solcher keine Alternative zum religiösen Dilemma dar.
Eine wirkliche, menschliche Alternative zur Religion bietet allein der Agnostizismus, der
sich weigert, Aussagen über die "Welt an sich" zu machen, weil er sich zur
erkenntnistheoretischen Beschränktheit -der Menschlichkeit!!- unserer
Wirklichkeitskonstruktionen bekennt. Agnostizismus ist daher die erkenntnistheoretische
Basis jedes ernstgemeinten Humanismus.
Ob Gott an sich existiert oder nicht, ist aus agnostizistischer Perspektive völlig egal,
weil unentscheidbar. Wir können, ja wir dürfen nach all unserem Wissen keine Aussagen
darüber machen. Hingegen müssen wir darüber verhandeln, wie sich die diversen
menschlichen Gottes-Konstruktionen auf das menschliche Leben auswirken. Hier wird der
Agnostizismus in Anbetracht der oben beschriebenen Diskursunfähigkeit des Theismus wohl
die Gestalt des praktischen Atheismus im Sinne Feuerbachs annehmen, der im Vorwort zum
Band I seiner "Sämtlichen Werke" schrieb: "Wer von mir nichts weiter sagt
und weiß als: Ich bin ein Atheist, der sagt und weiß von mir soviel wie nichts. Die
Frage, ob ein Gott ist oder nicht ist, der Gegensatz von Theismus und Atheismus, gehört
dem achtzehnten und siebzehnten, aber nicht dem neunzehnten Jahrhundert an. Ich negiere
Gott, das heißt bei mir: Ich negiere die Negation des Menschen, ich setze an die Stelle
der illusorischen, phantastischen, himmlischen Position des Menschen, welche im wirklichen
Leben notwendig zur Negation des Menschen wird, die sinnliche, wirkliche, folglich auch
politische und soziale Position des Menschen. Die Frage nach dem Sein oder Nichtsein
Gottes ist eben bei mir nur die Frage nach dem Sein oder Nichtsein des Menschen."
(Feuerbach: Gesammelte Werke. Bd.10. Herausgegeben von W. Schuffenhauer. Berlin 1971,
S.189)
Hinter diese Position Feuerbachs sollte die Diskussion heute eigentlich nicht mehr
zurückfallen. Daß sie es dennoch tut, ist äußerst tragisch, denn nur ein
uneingeschränktes Bekenntnis zur ideologiekritischen Position des Agnostizismus erlaubt
eine in sich stimmige Argumentation wider den Fundamentalismus. Nur die Einsicht in die
Beschränktheit der menschlichen Wirklichkeitskonstruktion könnte ermöglichen, daß
religiöse Beschränkungen der Vernunft endlich fallen. Nur die konsequent humanistische
Ausrichtung des Agnostizismus könnte verhindern, daß der lebensvergiftetende Brei
religiöser Fäulnis noch weiter unheilbringend den Globus überschwemmt. Ich bleibe
dabei: Ohne religöse Abrüstung ist Weltfrieden nicht möglich! Nur ein massiv
jenseitsgetrübtes Auge dürfte übersehen, daß die Massenmorde im ehemaligen
Jugoslawien, in Israel, in Südafrika, in Irland, ohne den billigen, religiösen
Sprengstoff so nicht denkbar wären.
Was Karlheinz Deschner für das Christentum reklamierte, das ist angesichts der Weltlage
für alle Religionen zu fordern: Sie brauchen keine Reformatoren mehr. Sie brauchen den
Abdecker.
Diese Worte klingen wahrscheinlich nicht nur für konsequent religiöse Ohren hart und verletzend, aber sie sind der gegenwärtigen Situation -wie ich denke- angemessen, weil es nicht angebracht ist, zaghaft mit dem Zahnstocher in den Problemen zu stochern, wenn die Verhältnisse den Abbruch-Hammer erfordern. Dennoch: Die Schärfe der Polemik könnte zu Mißverständnissen führen, die ich mit den folgenden relativierenden Anmerkungen verhindern möchte.
1. Die Aussage, der religiöse Mensch sei nicht fähig zum Diskurs, bedeutet nicht, daß Menschen, die sich als religiös bezeichnen und sich zu einer Offenbarungsreligion bekennen, grundsätzlich nicht fähig zum Diskurs seien. Sie sind nur in dem Moment diskursunfähig, in dem sie ihre Argumente mit religiösen Stützen versehen. Zum Glück sind viele religiöse Menschen aber nicht rund um die Uhr in obigem Sinne religiös (auch nicht die Berufsreligiösen), sondern nur in ihren vernunftsschwachen Stunden. Der Vorwurf der generellen Diskursunfähigkeit trifft also nur auf den Idealtypus des religiösen Menschen zu, nicht auf die in der Realität lebenden Religiösen.
2. Das Eintreten für religiöse Abrüstung ist natürlich nicht gleichbedeutend mit einem Plädoyer für ein Verbot von Religionen. Religionen zu verbieten, ist ein sinnloses und menschenverachtendes Unterfangen, weil es die Unmündigkeit, die Grundlage für Religion ist, nicht aufhebt, sondern verschärft. Religionen können nur aufgehoben werden durch Einsicht, nicht per Gesetz.
3. Der Kampf gegen die Religionen meint nicht Kampf gegen alles, was im Namen der Religionen erkämpft und erstritten wurde. (Einige der größten Errungenschaften und kulturellen Leistungen unserer Spezies sind ja bekanntlich im religiösen Kontext erfolgt.) Hier gilt es (s.o.), Lebensdienliches von Lebensfeindlichem sorgsam zu trennen und nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten.
4. Der Verzicht auf religiöse Argumentation bedeutet nicht, daß die tranzendentalen Grundfragen, die die Religionen zu beantworten vorgaben, nicht mehr gestellt werden können oder sollen. Es scheint ein fundamentales menschliches Bedürfnis zu sein, den erfahrungslimitierten Alltagskosmos zu überschreiten, um das "ozeanische Gefühl", das "Flow-Erlebnis", die "Aufhebung der Ich-Schranken" zu empfinden. Dieses Bedürfnis nach Mystik kann und soll nicht wegrationalisiert werden. Vielmehr müssen Nischen gefunden werden, in denen dieses Bedürfnis befriedigt werden kann, ohne daß Gefahr besteht, daß aus den emotional wichtigen, aber rational nicht faßbaren mystischen Erfahrungen neue religiöse Meta-Erzählungen erwachsen. Mit anderen Worten: Aus der Mystik, dem System von Fragen, darf keine Religion, kein gesellschaftlich relevantes System von Antworten werden. Außerhalb der mystischen Nischen ist daher transzendentale Enthaltsamkeit angesagt, oder - wie es Adorno formulierte: "äußerste Askese jeglichem Offenbarungsglauben gegenüber, äußerste Treue zum Bilderverbot, weit über das hinaus, was es einmal an Ort und Stelle meinte." (Adorno: Stichworte. Frankfurt/M. 1969, S.29)
Ich komme zum Schluß: Im Rahmen dieses Aufsatzes sollte darauf hingewiesen werden,
daß die religiöse Idee einer per Offenbarung erfahrbaren, absoluten Wahrheit sowohl
erkenntnistheoretisch unsinnig ist, als auch fundamental gegen das Prinzip der
Gleichberechtigung verstößt.
Es sage niemand, daß es sich bei dem hier Dargestellten um akademische Spitzfindigkeiten
handle, die angesichts der globalen, ökologischen Bedrohung irrelevant seien.
Natürlich ist unbestritten, daß unser Anspruch auf menschenwürdiges Leben in der
Zukunft auch ohne Offenbarungsreligionen (dank eines hemmungslos ausbeuterischen
Weltwirtschaftssystems) ernsthaft in Gefahr ist.
Aber -und hierdurch legitimiert sich die Schärfe des geäußerten Angriffs auf das Weltanschauungssystem "Religion": Um die nahezu unbewältigbar erscheinenden, großen Aufgaben, die auf uns zukommen werden, überhaupt ansatzweise in den Griff zu bekommen, müssen zunächst die unnötigen Irritationen, die die Religionen erzeugen, aufgehoben werden. Die Herausforderung der Zukunft verlangt von uns nämlich eines: Offenheit statt Offenbarung.
Der Artikel erschien u.a. in der MIZ 4/94 Seite 47ff.