Michael Schmidt-Salomon

Dialog oder Kampf der Kulturen?

MIZ 3/2001

Wenn es nicht so tragisch wäre, könnte man herzhaft darüber lachen: Da werfen Protestanten mit Steinen nach katholischen Schulmädchen (Irland), da sprengen sich Juden und Muslime gegenseitig in die Luft (Israel/Palästina), da schlachten sich katholische, serbisch-orthodoxe und islamische Fanatiker über Jahre hinweg ab (Ex-Jugoslawien), da revanchieren sich Allahs Krieger auf blutig-spektakuläre Weise für die Besetzung heiliger islamischer Gebiete (New York) - und ein Großteil der deutschen Politiker denkt immer noch, dass ausgerechnet der nach Konfessionen getrennte, schulische Bekenntnisunterricht zum Aufbau humaner Werte beitragen könne. Auch wenn der Religionsunterricht an unseren Schulen im Allgemeinen keine fundamentalistisch-missionarischen Züge trägt (was übrigens von Teilen der katholischen Amtskirche sowie von diversen evangelikalen Splittergruppen heftigst kritisiert wird) - auf lange Sicht wird es sich möglicherweise rächen, dass man im Bereich der Werteerziehung den Bock zum Gärtner gemacht hat.

Sicherlich: Es darf nicht übersehen werden, dass hinter den weltweit zunehmenden religiösen Konflikten starke ökonomische und machtpolitische Interessen stehen. Dennoch: Ohne den billigen ideologischen Sprengstoff der Religion würde so manche Bombe niemals zünden. Auch der jüngste, verheerende Anschlag auf das World Trade Center hätte ohne religiöse Aufputschmittel wohl kaum gelingen können. (Selbst der fanatischste neoliberale Profitmaximierer würde sich für sein Unternehmen nicht auf solch finale Weise aufopfern wollen - in diesem Punkt ist die religiöse "Mitarbeitermotivation" der kapitalistischen deutlich überlegen...) (1)

Die Großmacht USA reagierte auf den Terrorakt, wie man es von "God´s own nation" erwarten durfte. Zunächst ging man in den Gottesdienst. Man gedachte den Opfern und betete. Zeitgleich aber schärfte man die Waffen für den mit reichlich Pathos verkündeten "Kreuzzug gegen das Böse". Dass die Metapher "Kreuzzug" in islamischen Kreisen mit gutem Recht böse Assoziationen wecken musste, übersah man dabei ebenso gerne wie den eigenen Beitrag an der Misere. (Den machtpolitischen Interessen der USA und ihrer Verbündeten fielen in den letzten Jahren bekanntlich Hunderttausende von Muslimen zum Opfer.)

Selbstverständlich waren Amerikas Prediger, mit deren Hilfe Bush junior seinen Wahlsieg nicht zuletzt errungen hatte, sofort zur Stelle. Pat Robertson stimmte ein Klagelied darüber an, dass Gott seine schützende Hand von Amerika genommen habe und nannte die vermeintlichen Gründe: zu viel Sex und zu wenig Frömmigkeit. Jerry Falwell entdeckte die Schuldigen in der Bürgerrechtsbewegung, bei den Abtreibungsbefürwortern, den Schwulen und Atheisten. Falwell wörtlich: "Alle, die ihr mit geholfen habt, Amerika zu verweltlichen, ich zeige mit dem Finger direkt in euer Gesicht und sage: Ihr habt mit geholfen, dass das passiert!" Reverend James Merritt von der Southern Baptist Convention nannte die Zerstörung "Satan's handiwork" und Franklin Graham, Sohn des amerikanischen Volkspredigers Billy Graham, sah in dem Anschlag einen fundamentalen Angriff auf die Christenheit. Er empfahl seinen Mitbürgern, Buße zu tun und sich mit ganzem Herzen Gott anzuvertrauen.

Freilich meldeten sich auch andere - vermeintlich besonnenere - Stimmen zu Wort, "Experten", die anmahnten, dass der ganze Konflikt überhaupt nichts mit Religion zu tun habe, allenfalls mit dem Missbrauch derselben. Der Nahost-Experte der Süddeutschen verstieg sich sogar zu der Behauptung, die Terroranschläge hätten "mit dem Islam ebenso wenig gemein wie die christlichen Kreuzzüge mit der Bergpredigt". Für diesen Satz erhielt er erwartungsgemäß viel Applaus (schließlich ist eine solche Haltung zur Zeit im höchsten Maße political correct).

Jedoch: Was doppelt falsch ist, ist noch lange nicht richtig! Denn selbstverständlich trug die im Neuen Testament (auch in der Bergpredigt!) angedrohte Höllenqual für Ungläubige und Glaubensabweichler maßgeblich zur Legitimation der Abschlachtung von Andersgläubigen bzw. Andersdenkenden bei. Ebenso deutlich stellt die im Koran beschworene und von Mohammed höchstselbst umgesetzte Pflicht zum "Heiligen Krieg" eine wunderbare Rechtfertigung für jeden noch so brutalen Terroranschlag dar. (2) (Dass in Bibel und Koran nebenher auch zu "Friedfertigkeit" aufgerufen wird, hebt diesen Befund nicht auf, sondern zeigt vielmehr, auf welch gefährliche Weise in diesen "heiligen" Schriften Humanes mit Inhumanem verquickt ist.)

Stellen wir fest: Die Kreuzzüge und Hexenverbrennungen des Christentums bzw. die Apostatenverfolgungen und Glaubenskriege des Islams waren (und sind!) keine bloß zufällig entstandenen Irrtümer der Geschichte. Sie entsprangen (und entspringen) durchaus folgerichtigen Auslegungen der jeweiligen heiligen Schriften.

Dass über solche Zusammenhänge in unseren Schulen nicht systematisch und vor allem: konfessionsübergreifend gesprochen wird, könnte sich einmal als verhängnisvoller Fehler erweisen, denn der immer notwendiger werdende interkulturelle Dialog setzt als Grundvoraussetzung ein fundamentales Verständnis der eigenen wie auch der fremden Kultur voraus. (Dass - wie kürzlich berichtet wurde - ein Konfirmand fragte, was denn dieses merkwürdige "Pluszeichen" auf der Kirchtumsspitze zu bedeuten habe, mag im ersten Moment amüsieren. Es verdeutlicht aber auch, dass mit der begrüßenswerten Entchristlichung der Gesellschaft mitunter eine bedenkliche Reduktion des Wissens um die eigene kulturelle Herkunft samt ihrer Fehler und Gefahren verbunden ist. Und: Wer die Schrecken der Vergangenheit nicht kennt, der wird kaum etwas unternehmen, um ihre mögliche Wiederkehr zu verhindern.)

Für die Zivilgesellschaft im Allgemeinen und die Konfessionslosen im Speziellen wäre daher wenig gewonnen, wenn das Ersatzfach Ethik gestrichen, Religionsunterricht hingegen als ordentliches Lehrfach Bestand haben sollte. Vielmehr zeichnet sich mehr und mehr ab, wie wichtig eine flächendeckende Einführung von "Praktischer Philosophie" bzw. "Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde" (LER) als Pflichtfach für alle Schülerinnen und Schüler - gleich welcher Weltanschauung sie bzw. ihre Eltern angehören - wäre. Die plurale Gesellschaft verlangt solche Orte der interkulturellen Verständigung. Gerade in der Schule sollte traditionsübergreifend über die zentralen Fragen nach dem Sinn bzw. Unsinn der menschlichen Existenz gesprochen und die vielfältigen Antworten, die Religionen und säkularen Weltanschauungen auf diese Fragen gaben, kritisch hinterfragt werden können.

Dass sich die Kirchen (in Zusammenarbeit mit religiös sich gebärdenden Politikern) bislang gegen ein solches Pflichtfach mit Händen und Füßen wehren, zeigt, dass sie entweder die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben oder aber, dass sie sich - aus Angst um ihre Privilegien - weigern, aus dem Faktum der multikulturellen, weitgehend entchristlichten Gesellschaft logische Konsequenzen zu ziehen. Letzteres ist durchaus verständlich, wenn man sich die Brüchigkeit des christlichen Lehrgebäudes vor Augen hält. Völlig zurecht fürchten die christlichen Funktionäre den offenen, kritischen Dialog. Dieser nämlich würde den grandiosen Aberwitz ihrer Theologie schnell zu Tage fördern.

Andererseits - und dieser Hinweis sollte die Gemüter der Kirchenfunktionäre vielleicht doch etwas beruhigen: Verheerender als der Religionsunterricht selber werden LER & Co kaum wirken können! Während 40 Jahre atheistische Religionskritik in der DDR dazu führten, dass sich Mitte der Neunziger immerhin 80% der ostdeutschen Männer und Frauen als "ungläubig" bezeichneten, hatte der konfessionelle Religionsunterricht in der BRD im gleichen Zeitraum zur Folge, dass nur noch knapp 30% an den christlichen Gott glaubten...

Insofern kann man den Verfassungsrichtern, die über die Zukunft von Religionsunterricht und LER zu entscheiden haben, nur eines anempfehlen: Machen Sie den Weg frei für Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde! Lassen Sie es nicht zu, dass die Gesellschaft bereits in der Schule in wechselseitig abgeschottete, sich einander argwöhnisch beobachtende Kulturen zerfällt! Falls Sie durch die Stärkung von LER den Untergang des "christlichen Abendlandes" oder ähnliches befürchten, so sei Ihnen versichert: 1. Der Trend hin zur Entchristlichung der Gesellschaft wird sich in Deutschland auch ohne LER weiter fortsetzen. (Selbst in den Kirchen wird den Gläubigen hierzulande seit Jahrzehnten nur noch eine ideologisch kastrierte "Lightversion" des Christentums zugemutet.) 2. Dieser Entwicklung zum Trotz ist das Christentum weltweit (noch?) nicht ernsthaft in Gefahr. Es wird solange Bestand haben, solange es nicht gelingt, die Ideen von Freiheit, Aufklärung und sozialer Gerechtigkeit flächendeckend durchzusetzen. Und damit ist - Teile des Klerus wird es sicherlich freuen - in absehbarer Zeit kaum zu rechnen...

 

Michael Schmidt-Salomon, September 2001

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